Atembrief (7) von Gertrud

Lie­be Atem­freun­din­nen und Atem­freun­de, “

I am working on beco­m­ing a human being as oppo­sed to a “human doing”. 
Das war die Ant­wort der fran­zö­si­schen Pia­nis­tin Hélè­ne Gri­maud auf die Fra­ge “Wor­an arbei­ten Sie gera­de” ( im Feuil­le­ton der ZEIT vom 29. April).  

Eigent­lich reicht das doch schon als Sonn­tags­brief aus der Atem­p­ra­xis, und ich mei­ne damit nicht die mög­li­che Her­aus­for­de­rung der Über­set­zung. Zuerst habe ich gestutzt als ich die­sen ein­fa­chen Satz las, dann hat er mich gepackt und bis jetzt nicht mehr los­ge­las­sen. Ich habe die gan­ze Atem­leh­re von Ilse Mid­den­dorf in die­sen paar Wor­ten gefun­den. 

Das SEIN oder ZULASSEN wie wir dazu sagen, die geleb­te “Balan­ce zwi­schen Tun und Las­sen” macht uns zum “human being”, ein lebens­lan­ger Pro­zess bis zum letz­ten Atem­zug. Viel­leicht brau­chen wir ja beson­de­re Zei­ten für die­se Lebens­Ar­beit. Die­se Zeit fürs ler­nen für ein gutes Leben, bekom­men wir gera­de geschenkt. —

EINATEM  AUSATEM ATEMPAUSE — emp­fan­gen, sich vom Atem bewe­gen las­sen, das Emp­fan­ge­ne inte­grie­ren und sein.….zu einem human being wer­den. Als Atem­er­fah­re­ne kön­nen wir dank­bar sein. Wir haben in unse­ren gemein­sa­men Atem­stun­den im Ide­al­fall schon eine Ahnung davon erhal­ten,  bzw. “erfah­ren” gera­de jetzt in unse­ren ein­fa­chen Atem­übun­gen, was uns gut durch atem­lo­se Zei­ten bringt und haben gleich­zei­tig die Chan­ce unser Mensch­sein zu ver­tie­fen. 

Also, das Ver­trau­en auf­brin­gen, sich dem ATem – Rhyth­mus des (eige­nen) Lebens zu über­las­sen, und die­sen auf­re­gen­den leben­di­gen Weg mit klei­nen, manch­mal auch gro­ßen, Schrit­ten gehen. Dabei kann uns nie­mand sagen was rich­tig oder falsch ist, auch nicht die vie­len selbst­er­nann­ten Exper­ten mit ihren Pro­gno­sen. Wir sind immer auf­ge­for­dert, uns eige­ne Gedan­ken zu machen, die eige­ne Wahr­heit zu fin­den und ent­spre­chend zu han­deln, oder, in der Atem­spra­che, sich mit dem per­sön­li­chen Atem­rhyth­mus ver­traut zu machen, ohne das Gan­ze aus den Augen zu ver­lie­ren, und ihn zu leben (erin­nert euch an das schlich­te Hän­de auf­le­gen und Atem­rhyth­mus emp­fin­den). 

Womög­lich ist das ja auch die Vor­au­set­zung einer leben­di­gen demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung, die­se Gleich­zei­tig­keit bzw. Rei­bung und Kom­mu­ni­ka­ti­on vie­ler ver­schie­de­ner Meinungen/Atemrhythmen. Wir sind kei­ne pas­si­ven Befehls­emp­fän­ger. Wir müs­sen schon die Ver­ant­wor­tung für das eige­ne Leben über­neh­men. Ein­fach und bequem ist das nicht. Es ist aller­dings auch ein Glück es tun zu dür­fen. Augen auf und wei­ter. 

und zum Schluss kommt noch ein klu­ger Kopf zu Wort: “Ach, sagt das Kän­gu­ruh, es ist ein ewi­ger Kampf”.…… “ Man darf nie auf­hö­ren, alles zu hin­ter­fra­gen” aus den Kän­gu­ruh Chro­ni­ken v. Marc-Uwe Kling   

P.S. die neue Atem­übung der Woche für euren Coro­na Werk­zeug­kof­fer: die klei­ne Acht­sam­keits Aus­zeit 
P.S. Pip­pi Lang­strumpf, das stärks­te Mäd­chen der Welt, wird 75, und hat es mit sei­nem Geburts­tag auf die Titel­sei­te der ZEIT geschafft. Das hät­te sich Astrid Lind­gren sicher­lich nicht träu­men las­sen als sie ihre Geschich­ten schrieb.Die ZEIT meint außer­dem, dass Pip­pi heu­te noch für uns ein “sys­tem­spren­gen­des Vor­bild” sein könn­te. Na dann mal ran Mädels.….die Jungs, die Pip­pi gele­sen und geliebt haben, natür­lich auch.
P.S. Noch eine wohl­tu­en­de Lek­tü­re: Frank Goo­sen, Kaba­ret­tist, hat ein wun­der­ba­res klei­nes Buch über die Beat­les geschrie­ben, die sich vor 50 Jah­ren auf­ge­löst haben.
P.S. Immer hörens­wert, die streit­ba­re Nina Hagen, z. B. mit ihrem Song “Du hast den Farb­film ver­ges­sen”, Nr.2 unter den Top Ten der 100 bes­ten Ost-Songs. Die­se Zusam­men­stel­lung der Zuhörer*Innen von radio­eins ist der Hit über­haupt. DDR Pop Geschich­te pur.
P.S. Und das muss jetzt auch noch rein. Habt Ihr schon mal von “mime­ti­schem Iso­mor­phis­mus” gehört? Ich auch nicht. Kommt aus der Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie. Im TAGESSPIEGEL v. 27. April schreibt Cas­par Hirschel, Prof. für all­ge­mei­ne Geschich­te dazu,  dass es in Kri­sen­zei­ten “zur Anglei­chung durch Nach­ah­mung kommt, weil Orga­ni­sa­tio­nen, um Risi­ken zu mini­mie­ren und schnell zu reagie­ren, das tun, was ande­re bereits getan haben, ohne zu prü­fen, ob es in der eige­nen Kul­tur oder Gesell­schafts­struk­tur ange­mes­sen ist”   

Habt es gut bis zur nächs­ten Woche
Ger­trud

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